Bauamtsleiter Alois Schötz hatte ein Problem. Im Süden seiner Kommune Neuötting entstand ein Neubaugebiet mitsamt einer Schule. Direkt nebenan liegt eine viel befahrene Straße, daher war ein Lärmschutz erforderlich. Ein Lärmschutzwall schied aus, da eine so große Fläche nicht zur Verfügung stand. Eine blickdichte, graue Lärmschutzwand aus Beton wollte in Neuötting jedoch auch keiner haben.
Lärmschutzwand erzeugt auch Strom
Die Oberbayern um Schötz lösten das Dilemma auf unkonventionelle Art – mit Photovoltaik. Das Ergebnis ist eine Lärmschutzwand, durch die man teilweise hindurchsehen kann und die Solarstrom erzeugt. Die fünf Meter hohe und 234 Meter lange Schallbarriere hat eine installierte Leistung von rund 65 Kilowatt. Mit der bereits 2016 in Betrieb gegangenen Anlage ist Neuötting ein Vorreiter auf dem Gebiet der in die Verkehrswege integrierten Photovoltaik.
Schule nimmt den Strom ab
Damit sich der Solarstrom rechnet, setzt der Betreiber der Photovoltaik-Lärmschutzwand, eine Energiegenossenschaft, auf den ortsnahen Eigenverbrauch. Die hinter der Wand liegende Schule nimmt einen guten Teil des Ökostroms ab. Allein während des Unterrichts verbraucht sie die Hälfte des erzeugten Solarstroms. Der Überschuss wird ins Netz eingespeist.
Photovoltaik an, über oder auf Straßen
So oder ähnlich wie östlich von München könnte es künftig in vielen Gegenden Deutschlands aussehen. Photovoltaik kann auf verschiedene Arten in Verkehrswege integriert werden: entlang der Straßen in Lärmschutzsystemen und Randstreifenbegrenzungen, als Überdachung oder direkt in Wegen und Straßen als begeh- und befahrbarer Belag.
Bei der Entwicklung haben Forscher und Unternehmen inzwischen große Fortschritte gemacht. Pilotprojekte gibt es vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Allein für Photovoltaik-Lärmschutzwände sind neben dem Neuöttinger Projekt bundesweit mehr als 20 Beispiele bekannt.
Straßennetz bietet großes Potenzial
Das Potenzial ist riesig: Das deutsche Straßennetz besteht aus 13.000 Kilometer Autobahnen, 37.000 Kilometer Bundesstraßen und 87.000 Kilometer Landes- und Staatsstraßen. Insgesamt bedecken Verkehrsflächen laut Statistischem Bundesamt mehr als 18.000 Quadratkilometer. Das sind rund fünf Prozent der Fläche Deutschlands. Diese für die Energiewende zu nutzen, wäre klug.
Photovoltaik und Verkehrswege: eine Chance
„Aus den technologisch sinnvoll nutzbaren Flächen ergibt sich hierzulande ein großes Potenzial von mindestens 72 Gigawatt zu installierender Leistung“, erklärt Dr. Jonas D. Huyeng vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE. „Das ist so viel, wie aktuell in ganz Deutschland errichtet ist, und rund ein Achtel der erforderlichen Solarstromleistung hierzulande bis 2045.“
Eine enorme Chance für den Mobilitätssektor, um einen guten Teil zur Solarstromproduktion beizutragen, die jedoch bislang viel zu wenig beachtet worden ist. Dabei bietet die verkehrswegeintegrierte Photovoltaik einen großen Vorteil: Sie nimmt keine zusätzlichen Flächen in Anspruch. Dank dieser effektiven Doppelnutzung müssen viel weniger landwirtschaftliche oder naturbelassene Flächen umgewidmet werden, um Solarstrom zu erzeugen.
Solarstrom für die Mobilität vor Ort produzieren
Der erzeugte Ökostrom könnte profitabel direkt vor Ort verbraucht werden. Etwa über Schnellladesäulen an Rast- und Tankstellen für batterieelektrische Autos oder in Form von Wasserstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge. In bewohnten Gebieten hinter Lärmschutzwänden würde der Strom auch andere Bereiche wie den Gebäudesektor grüner und klimafreundlicher machen.
Fazit: Nutzen Kommunen wie etwa Neuötting die Vorteile der verkehrswegeintegrierten Photovoltaik, könnte der Mobilitätssektor in Zukunft einen nennenswerten Beitrag zu einer nachhaltigen Energieversorgung beisteuern.
Fakten zum Strom von der Straße
- Bis 2030 soll der Stromanteil aus erneuerbaren Energien in Deutschland auf 80 Prozent steigen, bis 2045 sogar auf 100 Prozent.
- 5 % der Fläche Deutschlands sind Straßen – ein großes Potenzial für Photovoltaik.
- Mindestens 72 Gigawatt zu installierende Leistung beträgt das Potenzial der bundesweiten Flächen, die sich neben, oberhalb oder in Straßen technologisch sinnvoll für Photovoltaik nutzen lassen.
- Über 20 Lärmschutzwände wurden in Deutschland schon mit Photovoltaikmodulen ausgerüstet. Allein an Bundesfernstraßen nehmen Lärmschutzwände eine Gesamtlänge von rund 3.600 Kilometern ein.